Gedanken zur Corona-Situation

geschrieben von Sr. M. Angelucia Fröhlich

Wir Schwestern machen uns in diesen Tagen sehr viele Gedanken, was der Corona-Virus für uns Menschen bedeutet. Viel Beängstigendes und Trauriges ist damit verbunden, aber wir können in dieser Krise auch Gott neu wahrnehmen. Dazu möchten wir Sie ab sofort herzlich einladen. Wir Schwestern geben hier in unserem Blog regelmäßig Antworten auf die Fragen, wie uns unser Glaube in dieser Krise stärkt, was wir an Positivem daraus ziehen können und was wir persönlich den Menschen mitgeben möchten.

Den Anfang macht heute Schwester M. Angelucia Fröhlich. Für sie ist die Corona-Krise auch ein Aufruf, zum Schöpfer zurückzukehren.


Wie stärkt Sie Ihr Glaube in der Corona-Krise?

In dieser Zeit ist mir die Bibel in besonderer Weise zum Lebenselixier geworden, besonders das Buch der Psalmen. Es gibt keine Lebenssituation, die ich nicht in irgendeiner Weise in einem der Psalmen ausgedrückt fände. Besonders tröstlich und ermutigend sind Psalm 23 und 91. Doch auch in den andern Psalmen finde ich Situationen beschrieben, die der von heute ähneln. Das Stundengebet ist mir auf neue Weise ans Herz gewachsen. Neu aufgefallen – obwohl ich es schon lange weiß - ist mir bei den Psalmen, dass jede noch so erbärmliche Klage im Lob Gottes endet. Das Lob Gottes ist immer das Hauptanliegen. Und das müssen wir in dieser Krise neu lernen.

Vor allem jedoch stärkt mich der Glaube an das Geheimnis der Auferstehung. Die liturgischen Texte dieser Osterzeit, sowohl die Erzählungen über die Erfahrungen der Jünger mit dem Auferstandenen, als auch die Texte der Apostelgeschichte sind eine unerschöpfliche Glaubensquelle. Auferstehung ist Verwandlung. Aus Tod wird Leben. Dieses jetzige Leben und diese Welt sind für die Ewigkeit bestimmt, aber nicht in dieser Form. Es muss und wird einen unvorstellbaren Verwandlungsprozess geben, der in die Ewigkeit führt. Garant dafür ist der Auferstandene Jesus und die Verheißung in der Offenbarung, dass es in der neuen Welt weder Trauer noch Klage noch Tod geben wird, und dass Gott die Mitte sein wird, das Licht, das alles erleuchtet.


Was ziehen Sie persönlich an Positivem aus der Corona-Krise?

Die erzwungene Einsamkeit kann uns sensibler machen für das Schöne, das Großartige, das selbst in jedem Gräslein verborgen ist; sie kann uns das Geheimnis im eigenen Innern, das Innewohnen Gottes in jedem Geschöpf neu ins Bewusstsein rufen. Wenn wir sensibler werden für jede kleine Freude, die uns ohne unser Zutun geschenkt wird, wenn wir jedes noch so unscheinbar Gute als Geschenk des liebenden Vaters im Himmel wahrnehmen lernen und ihn dafür loben und ihm danken, wird unser Leben wesentlicher und reicher.

Lehrmeister hierfür ist mir der hl. Franziskus von Assisi mit seinem berühmten Sonnengesang. Obwohl es auch zu seiner Zeit Katastrophen jeglicher Art gegeben hat, ob wohl Feuer und Wasser und Sturm auch schon damals Katastrophen auslösten, sieht er nur das Positive dieser Kräfte und preist Gott dafür. Und das tut er in einer Situation, in der sein Leib todkrank ist!

Die Corona-Krise macht mich sensibler für die Not der Menschen. Ich lebe im Seminarhaus La Verna auf dem Abtsberg in Gengenbach, wo sonst die unterschiedlichsten Menschen hinkommen mit ihren je eigenen Lebenssituationen und -nöten. Viele von ihnen erbitten gerade jetzt unsere Gebetshilfe. Die Nöte dieser Menschen gehen mir zu Herzen. Auch die Nöte so mancher Personengruppen, die durch die Maschen der verschiedenen „Rettungsschirme“ fallen, was ich tagtäglich aus den Medien erfahre.

Das fürbittende Gebet betrachte ich als eine meiner Hauptaufgaben in dieser Zeit. Die Sorge, wie es mit unserm Haus weitergeht, kann ich dem Herrn und seiner Mutter Maria überlassen, der unser Abtsberg seit langem geweiht ist. Mein Gebet gilt hier all denen, die hierfür die Verantwortung tragen und entscheiden müssen.


Was möchten Sie den Menschen an Gedanken mit auf dem gerade schwierigen Weg geben?

Habt Vertrauen! Von meiner Oma habe ich in der schwierigen Nachkriegszeit den Spruch „geerbt“: „Wo die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten.“ Wir müssen nur lernen, die leisen Zeichen der Liebe und Fürsorge Gottes zu sehen. „Man sieht nur mit dem Herzen gut…“ sagte der Kleine Prinz. Das Gerede vom „Zufall“ hindert uns oft daran. Es ist überhaupt seltsam, dass viele Menschen Gott viel Böses „in die Schuhe schieben“ wie z.B. Katastrophen und Schicksalsschläge, nicht aber das Gute. Da reden sie dann von „Zufall“. Dabei kann Gott nichts anderes als lieben. Er hat uns seine Nähe in allen Situationen zugesagt. Einer der letzten Päpste (Benedikt XVI. oder Franziskus) hat einmal gesagt: „Gott kann alles. Aber eines kann er nicht: nicht lieben!“ Aber Gott möchte auch unsere Mithilfe. Da er für unsere Sinne nicht wahrnehmbar ist, hat er sich in Jesus sinnenhaft erfahrbar gemacht. Und er braucht auch heute den Menschen, um sich in dieser Welt erfahrbar zu machen. Jesus hat uns den Auftrag gegeben, dies zu tun: „Liebt einander!“. Wenn ich lerne, jede gute menschliche Erfahrung als Ausdruck Seiner Liebe zu sehen, werde ich glücklich. Auch ein Atheist kann zu einer Erfahrung der Liebe und Güte Gottes zu mir werden. Das „Medium“ spielt keine Rolle, ich muss nur lernen wahrzunehmen, wer durch das Medium wirkt. Und Gottes Liebe kennt keine Grenzen.

Außer dem „Medium Mensch“ kenne ich noch viel andere „Medien“, durch die Gott mich Seine Liebe erfahren lässt. Da ist die Schöpfung als Quelle der Freude: Die Blumen, die Vögel, Luft und Wolken, Mond und Sterne, das Weltall…. Und da sind wunderbar gefügte Ereignisse…kurz - Ich kenne nichts, wodurch ich die Zuwendung und Liebe Gottes nicht erfahren könnte. Es sind die Kleinigkeiten, die unser Leben ausmachen.


Was ich sonst noch sagen möchte zur gegenwärtigen Corona-Krise:

Die gegenwärtige weltweite Krise erscheint mir wie eine Chance für die ganze Menschheit, endlich umzukehren von einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Struktur, die menschenfeindlich und tödlich ist und in die sich die Menschheit selbst hineinmanövriert hat, unabhängig von einer bestimmten Volkszugehörigkeit. Egoismus, Gier nach Macht und Geld haben die Herrschaft über die Welt übernommen und sind für einen großen Teil der Menschheit und für die Welt selbst zur Todesfalle geworden.

Seit längerer Zeit klagt man in unseren Kreisen darüber, dass die Menschheit immer egoistischer wird und dass es so nicht weitergehen kann. Viele Beziehungskrisen haben letztlich hierin auch ihre tiefste Wurzel.

Die Gier der Weltwirtschaftsbosse ist grenzenlos geworden. Sie nutzt die niedrigen Begierden der Menschen, redet uns immer neue Bedürfnisse ein, was man alles brauche, und so macht sich jeder Mensch mitverantwortlich für das Desaster. Mehrmals im Jahr in den Urlaub fahren, Billigflüge buchen und dabei über Luftverschmutzung klagen, umweltschädliche Kreuzfahrten unternehmen, um möglichst viele Länder kennen zu lernen und dabei über Meeresverschmutzung klagen, die man selbst verursacht…

Die Corona-Krise setzt dem allem ein Ende.

Die Bibel ist für mich das größte Weisheitsbuch der Menschheit. Ihre Geschichten sind mir in einer ganz neuen Weise präsent und spiegeln die jetzige Situation wider. Als Religionslehrerin versuchte ich den Schülerinnen klar zu machen, dass die biblischen Erzählungen kein Protokoll sind, sondern eine Wahrheit verbergen, die es zu erkennen gilt.

Jeder von uns dürfte die Geschichte vom Paradies und vom Sündenfall kennen. Gott hat den Menschen in den wunderbaren Garten Eden gesetzt, den er liebevoll für den Menschen bereitet hatte, und ihm den Auftrag gegeben, diesen Garten zu pflegen und zu behüten. Aber eine Grenze hat er ihm gegeben: Die Früchte vom Baum des Lebens in der Mitte dürfe er nicht anrühren, sonst müsse er sterben. Die Schlange jedoch verspricht dem Menschen: „Ihr werdet sein wie Gott…“ Und darum geht es genau heute: Der Mensch hat sich selbst zum Gott gemacht.

Er hat keine Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Lebens, sondern hat auf das Leben zugegriffen, sich selbst zum Herrn über das Leben gemacht. Seine Neugier treibt ihn unermüdlich an zu forschen. Aber diese Forschung ist nicht immer zum Wohl der Menschheit, vor allem dann nicht, wenn ihr die Ehrfurcht vor dem Leben fehlt. Wie viele Forschungen der letzten Jahre haben dazu gedient, möglichst krankhaftes Leben auszuschließen. Der Mensch kann über das Leben bestimmen und darüber entscheiden, was leben darf und was nicht. Und er darf (!) seinem Leben selbst ein Ende setzen. Der Zugriff zum Leben ist perfekt.

Es ist mir völlig unverständlich, dass wir den Holocaust verurteilen und Gedenkfeiern für die Getöteten halten, während eingeschränktes Leben im Mutterleib getötet wird, von ärztlicher Seite dazu geraten. Im Dritten Reich nannte man das die „Tötung von „lebensunwertem“ Leben“. Was ist da für ein Unterschied??? In der biblischen Geschichte sagt Gott: „Wenn du davon isst, wirst du sterben.“

Die Menschheit schafft sich ihren eigenen Tod; sie hat sich selbst aus dem Paradies vertrieben. Die Abhängigkeit von Gott war ihm zu lästig. Aber Gott hat ihm eine Verheißung mitgegeben, die Verheißung, dass ein Retter kommen wird. Doch dieser Retter muss erkannt und angenommen werden. Es ist Jesus Christus. Niemand wird gezwungen, ihn anzunehmen. Gott bietet unaufhörlich einen Liebesbund an. Es liegt an uns, ihn anzunehmen. Aber erst dann wird die Welt gesunden. Ob wir das erkennen?

Die Corona-Krise ist für mich ein Aufruf, zum Schöpfer zurückzukehren, seine „Worte des Lebens“, die zehn Weisungen, anzunehmen.

Heute Morgen war im Stundengebet der Psalm 81 dran. Hier geht es um die Bundestreue Gottes. Gott klagt über sein Volk: „Doch mein Volk hat nicht auf meine Stimme gehört; Israel hat mich nicht gewollt.

Da überließ ich sie ihrem verstockten Herzen und sie handelten nach ihren eigenen Plänen.

Ach, dass doch mein Volk auf mich hörte, dass Israel gehen wollte auf meinen Wegen!“ Wie brandaktuell!

Vermutlich sind wir noch nicht weit genug. Vermutlich werden noch mehr Katastrophen kommen, die sich als Konsequenz des Menschlichen Handelns ergeben. Bereiten wir uns darauf vor. Bitten wir um die Hilfe Gottes.



Der ganze Mensch erschauere,
die ganze Welt erbebe,
und der Himmel juble,
wenn auf dem Altar
in der Hand des Priesters
Christus, der Sohn des lebendigen Gottes ist.
O erhabene Demut!
O demütige Erhabenheit, dass der Herr des Alls,
Gott und Gottes Sohn,
sich so erniedrigt, dass er sich zu unserem Heil
unter der anspruchslosen Gestalt des Brotes verbirgt.

(Aus den eucharistischen Gedanken des Heiligen Franziskus: Brief an den gesamten Orden der Minderbrüder)

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